Solana Governance erklärt: SIMDs, SGPs und wie das Netzwerk abstimmt

Wie Solana abstimmt: SIMDs als technische Proposals, SGPs als On-Chain-Governance mit 100.000-SOL-Hürde, 15-%-Support und Delegator-Override. Erklärt.

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Wie stimmt Solana eigentlich ab? Über zwei Instrumente, die oft verwechselt werden: SIMDs für die Technik, SGPs für die Richtung. Dieser Artikel erklärt beide — und wo deine Stimme als Staker zählt.

Kurzantwort: Solana trifft Protokoll-Entscheidungen zweistufig. Ein SGP (Solana Governance Proposal) ist seit Anfang Juli 2026 die On-Chain-Richtungsabstimmung: Ein Validator mit mindestens 100.000 SOL Stake reicht ein, ab 15 % Support des aktiven Stakes wird stake-gewichtet abgestimmt, angenommen ist ein Proposal bei mindestens zwei Dritteln (66,67 %) des Ja+Nein-Stakes — ein Quorum gibt es nicht. Ein SIMD (Solana Improvement Document) ist das technische Proposal dazu: ein Pull Request im offiziellen GitHub-Repository, der beschreibt, wie eine Änderung gebaut wird. Delegatoren können die Stimme ihres Validators per Merkle-Proof überstimmen.

In einfachen Worten: Das SGP ist die Volksabstimmung der Staker („Wollen wir das?”). Das SIMD ist der Bauplan der Ingenieure („So bauen wir es”). Erst die Richtung, dann der Bauplan — und wer SOL delegiert hat, darf bei der Richtungsfrage selbst mitstimmen.

Zwei Ebenen: Richtung und Technik

Ein Netzwerk wie Solana muss zwei sehr verschiedene Fragen beantworten. Erstens: Soll sich etwas ändern — etwa die Inflations-Kurve oder der Konsens-Mechanismus? Zweitens: Wie genau wird die Änderung gebaut, ohne das Netzwerk zu gefährden? Solana trennt diese Fragen bewusst. Die Richtungsfrage beantworten seit Juli 2026 die SGPs on-chain. Die technische Frage beantworten SIMDs im offenen Review-Prozess auf GitHub.

SIMD: das technische Proposal

SIMD steht für Solana Improvement Document. Lass dich vom Wort „Document” nicht täuschen: Ein SIMD ist ein Proposal — ein konkreter Änderungsvorschlag am Protokoll, kein bloßes Nachschlagewerk.

Der Weg eines SIMDs sieht so aus:

  • Idee diskutieren: Vorschläge werden zuerst öffentlich diskutiert, bevor sie formal eingereicht werden.
  • Pull Request: Das Proposal landet als Pull Request im offiziellen Repository solana-foundation/solana-improvement-documents. Der Prozess selbst ist in SIMD-0001 festgelegt.
  • Review: Maintainer und die Entwickler-Teams der Validator-Clients prüfen das Proposal auf Machbarkeit, Sicherheit und Nebenwirkungen.
  • Abstimmung bei großen Fragen: Weitreichende SIMDs wurden schon vor dem SGP-System per stake-gewichteter Validator-Abstimmung entschieden — allerdings ad hoc organisiert, ohne einheitlichen On-Chain-Prozess.

Zwei Beispiele zeigen die Spannweite. SIMD-228, der Vorschlag für eine markt-basierte Emission, scheiterte im März 2025 in einer stake-gewichteten Abstimmung: rund 61 % Ja-Anteil, verlangt waren 66,67 % — bei einer Rekordbeteiligung von rund drei Vierteln des aktiven Stakes. Alpenglow, Solanas neuer Konsens, wurde dagegen als SIMD-0326 im September 2025 mit über 98 % Zustimmung der abgegebenen Stimmen angenommen. Genau diese ad-hoc organisierten Großabstimmungen waren einer der Gründe, den Prozess zu formalisieren.

SGP: die On-Chain-Abstimmung, Schritt für Schritt

Seit Anfang Juli 2026 gibt es für Richtungsfragen einen festen Weg: Solana Governance Proposals. Der komplette Ablauf ist on-chain, die Werkzeuge stehen unter governance.solana.com samt Dokumentation und offenem Code bereit.

So läuft ein SGP ab:

  1. Einreichen: Ein Validator-Vote-Account braucht mindestens 100.000 SOL Stake, um ein Proposal on-chain einzureichen. Die Hürde filtert Spam, ohne den Zugang auf wenige Große zu beschränken — auch delegierter Stake zählt.
  2. Support-Phase: Das Proposal braucht Unterstützung von mindestens 15 % des aktiven Stakes. Erst dann öffnet die Abstimmung. Themen ohne breites Interesse kommen so gar nicht erst zur Wahl.
  3. Abstimmung: Validatoren stimmen stake-gewichtet mit Ja, Nein oder Enthaltung — innerhalb eines festen Fensters, das in Epochen gemessen wird (eine Epoche dauert ungefähr zwei Tage).
  4. Ergebnis: Angenommen ist ein Proposal, wenn die Ja-Stimmen mindestens zwei Drittel (66,67 %) des Ja+Nein-Stakes erreichen. Ein Quorum gibt es nicht. Das Ergebnis wird on-chain festgehalten und ist per Merkle-Proof nachprüfbar.

Wichtig zur Einordnung: Ein SGP verschiebt keine Gelder und schreibt keinen Code. Es beantwortet die Richtungsfrage — die technische Umsetzung folgt danach über den SIMD-Weg.

Delegator-Override: du kannst deinen Validator überstimmen

Stake-gewichtet heißt zunächst: Dein Validator stimmt mit dem gesamten Stake, den ihm Delegatoren anvertraut haben — deinem eingeschlossen. Das SGP-System baut dafür ein Gegengewicht ein, das die Solana Foundation „Staker Sovereignty” nennt.

Als Delegator kannst du mit dem Merkle-Proof deines Stake-Accounts selbst abstimmen. Dein Stake-Anteil wird dann vom Votum deines Validators abgezogen und zählt so, wie du selbst votierst — auch dann, wenn der Validator bereits abgestimmt hat oder sich enthält. Damit ist die Wahl des Validators keine reine Rendite-Frage mehr, sondern auch eine Governance-Entscheidung. Worauf du dabei achten solltest, erklärt der Artikel zur Validator-Auswahl.

SIMD und SGP im Vergleich

SIMDSGP
FrageWie bauen wir es?Wollen wir es?
FormPull Request im GitHub-RepositoryOn-Chain-Proposal
Wer entscheidetReview durch Maintainer und Client-Teams, bei großen Fragen Validator-VotesStake-gewichtete Abstimmung aller Validatoren, mit Delegator-Override
HürdenProzess nach SIMD-0001100.000 SOL Stake, 15 % Support, zwei Drittel des Ja+Nein-Stakes
ErgebnisTechnische SpezifikationRichtungsentscheidung on-chain

Abgrenzung: Protokoll-Governance ist keine DAO-Governance

Ein häufiges Missverständnis: „Solana-Governance” und „DAO-Governance auf Solana” sind zwei verschiedene Dinge.

  • Protokoll-Governance (SGPs, SIMDs) regelt das Netzwerk selbst — Konsens, Emission, Gebühren. Stimmgewicht kommt aus gestaktem SOL, das das Netzwerk sichert.
  • DAO-Governance regelt einzelne Projekte und deren Treasuries nach eigenen Token-Regeln. Wer den Governance-Token kauft, kauft Stimmmacht.

Wie unterschiedlich die Risiken sind, zeigte der Juli 2026: Die BonkDAO verlor rund 20 Mio. US-Dollar durch ein bösartiges Proposal, das den regulären Abstimmungsweg der DAO nahm — kein Smart-Contract-Bug, sondern gekaufte Stimmmacht bei niedriger Beteiligung. Solanas Protokoll-Governance ist gegen dieses Muster anders aufgestellt: Ein SGP kontrolliert keine Treasury, die Support-Schwelle von 15 % des aktiven Stakes verhindert stille Abstimmungen, und der Delegator-Override verteilt die Stimmmacht auf alle Staker statt nur auf Token-Käufer. Unverwundbar macht das nicht — aber die Angriffsfläche ist eine grundlegend andere.

Was das für dich heißt

Wenn du SOL stakst, bist du Teil dieser Governance — ob du willst oder nicht. Standardmäßig vertritt dich dein Validator. Wenn dir seine Linie nicht passt, hast du zwei Hebel: den Validator wechseln oder per Override selbst abstimmen. Spannend wird vor allem, welche Richtungsfragen als erste SGPs die 15-%-Schwelle nehmen — etwa die seit Jahren umkämpfte Emissions-Debatte.

Hinweis: Keine Finanzberatung.

Auf einen Blick

  • SIMD = Solana Improvement Document: das technische Proposal als Pull Request, geprüft im offenen Review.
  • SGP = Solana Governance Proposal: die On-Chain-Richtungsabstimmung, live seit Anfang Juli 2026.
  • SGP-Regeln: 100.000 SOL Stake zum Einreichen, 15 % Support des aktiven Stakes, zwei Drittel des Ja+Nein-Stakes zur Annahme, kein Quorum.
  • Delegator-Override: Staker können ihren Validator per Merkle-Proof überstimmen.
  • Protokoll-Governance ≠ DAO-Governance: SGPs regeln das Netzwerk, DAOs regeln Projekt-Treasuries.

Quellen

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